Der Zeitplan ist nicht zu optimistisch, er beginnt an der falschen Stelle
Fast jeder Besetzungsplan im Mittelstand rechnet von der Veröffentlichung der Anzeige bis zur Unterschrift. Die amtliche Statistik rechnet anders, und daraus entsteht die Lücke, die später als Verzögerung erscheint.
Die Statistik der Bundesagentur für Arbeit weist für den Zeitraum August 2025 bis Juli 2026 eine durchschnittliche abgeschlossene Vakanzzeit von 154 Tagen aus. Definiert ist sie als Zeitspanne zwischen dem gewünschten Besetzungstermin und der Abmeldung der Stelle. Die fünf Monate beginnen also erst an dem Tag, an dem die Person laut Planung schon arbeiten sollte.
Wer im eigenen Plan bei der Anzeige zu zählen anfängt, misst nicht denselben Vorgang. Er misst ein Teilstück und wundert sich anschließend über den Rest.
Dienstag, 7:15 Uhr, Frühschicht ohne Schichtführer
Rita verteilt die Aufträge an Linie 1, obwohl das nicht ihre Rolle ist. Der Schichtführer sollte am 1. April da sein. So stand es im Protokoll der Planungsrunde im Januar, mit Volkers Unterschrift darunter. Heute ist ein Dienstag im Sommer, und Rita hat den Plan wieder selbst geschrieben. Die Maschine hinter der Bürotür läuft. Die Bank davor nicht mit dem Namen, den alle erwartet haben.
Nadine kommt um acht mit einem Ordner. Die Freigabe kam erst am 20. Februar, sagt sie, weil die Investitionsrunde vorher lag. Das Profil war am 6. März final, nach drei Runden zwischen Volker und Personal über Personalverantwortung und Schichtmodell. Die Anzeige lief ab dem 10. März. Der erste passende Kandidat sprach am 28. April vor, die Zusage ging am 12. Mai raus. Er kündigt zum Quartalsende und fängt am 1. Oktober an. Rita hört zu und sortiert gleichzeitig Ausschuss, weil niemand anderes die Kästen trägt.
Volker steht in der Tür und will wissen, warum die Suche so lange gedauert hat. Nadine blättert im Wandkalender zurück. Von der Anzeige bis zur Zusage waren es neun Wochen. Vom gewünschten Termin bis zum ersten Arbeitstag sind es sechs Monate. Volker sieht nur die sechs. Rita sieht die leere Jacke am Haken.
In der Runde am Nachmittag steht die Suche im Ziel. Neun Wochen, sagt Nadine, das sei marktüblich und der Prozess sauber. Jemand trägt Planung gehalten in die Folie, weil die Folie bei der Anzeige zu zählen anfängt. Volker nickt, als wäre April damit erklärt.
Rita hängt den Schichtplan für Oktober schon im August an die Tür, mit einem freien Feld in der ersten Zeile. Darunter guckt das Januar-Protokoll hervor, Ecke geknickt, Datum 1. April. Sie lässt beides hängen. Der Kalender glaubt zwei Jahreszeiten gleichzeitig. Die Linie glaubt keine.
Die vier Strecken, die kein Plan enthält
- Die Freigabe. Zwischen der Erkenntnis, dass jemand fehlt, und der Erlaubnis, jemanden zu suchen, liegen im Mittelstand oft Wochen. Diese Zeit taucht in keiner Kennzahl auf, weil noch niemand sucht.
- Die Profilklärung. Solange nicht entschieden ist, ob die Rolle 18 oder 40 Leute führt, kann niemand gezielt suchen. Jede Abstimmungsrunde kostet eine Woche, und drei Runden sind normal, wenn Technik und Personalabteilung unterschiedliche Vorstellungen haben.
- Die eigene Rückmeldegeschwindigkeit. Drei Tage bis zur Antwort sind in einer knappen Rolle bereits ein Risiko. Zwei Wochen bis zum Gesprächstermin sind eine Vorentscheidung gegen sich selbst, weil der Kandidat in dieser Zeit zwei andere Gespräche hatte.
- Die Kündigungsfrist. Der stärkste Kandidat ist der, der einen Job hat. Genau deshalb bringt er eine Frist mit, bei Fachkräften und Führungskräften häufig drei Monate zum Quartalsende. Aus einer Zusage im Mai wird so ein Start im Oktober, ohne dass irgendwer etwas falsch gemacht hätte.
Diese vier Strecken summieren sich in vielen Betrieben auf mehr Wochen als die eigentliche Suche. Sie sind auch der Grund, warum das Nachschärfen der Stellenanzeige so selten hilft: Es verkürzt das einzige Teilstück, das ohnehin das kürzeste war. Welche Wege wann tragen und was sie kosten, ordnet der Ratgeber zur Personalsuche im industriellen Mittelstand. Wenn die Suche selbst das Problem ist, weil die Passenden nicht auf die Anzeige reagieren, trägt die Personalvermittlung mit telefonischer Direktansprache.
Was die Zahlen sagen und was sie nicht sagen
Die 154 Tage sind der Durchschnitt über alle Berufe und alle Betriebsgrößen. Sie lagen 13 Tage unter dem Vorjahreszeitraum, aber rund 60 Tage über dem Stand von vor zehn Jahren. Der Trend ist also nicht neu und dreht sich auch nicht gerade.
Aussagekräftiger als der Durchschnitt ist die Verteilung: 47 Prozent aller in diesem Zeitraum abgemeldeten Stellen waren länger als drei Monate vakant. Eine Besetzung, die ein Quartal dauert, ist damit kein Ausrutscher, sondern annähernd der halbe Markt.
Bemerkenswert ist der Widerspruch, in dem diese Zahl steht. Im Juli 2026 waren 3,007 Millionen Menschen arbeitslos, 28.000 mehr als ein Jahr zuvor, bei einer Arbeitslosenquote von 6,4 Prozent. Gleichzeitig blieb die Vakanzzeit über fünf Monaten. Mehr verfügbare Menschen bedeuten nicht mehr verfügbare Fachkräfte für Ihre Anlage, weil Arbeitslosigkeit und Engpass in unterschiedlichen Berufen anfallen. Nach der Engpassanalyse der Bundesagentur vom Mai 2026 liegen die Engpässe vor allem in Pflege- und medizinischen Berufen sowie in Bau- und Handwerksberufen, dazu bei Berufskraftfahrern und Köchen.
Für Ihre Planung heißt das: Der Bundesdurchschnitt ist ein Maßstab, keine Prognose. Ob Ihre Rolle schneller oder langsamer läuft, hängt an der Rolle, nicht an der Konjunktur. Die Bundesagentur nutzt die Vakanzzeit selbst als Engpassindikator und setzt die höchste Kategorie bei einem Median von 80 Tagen und mehr an. Dieser Schwellenwert ist ein Median und deshalb nicht mit den 154 Tagen vergleichbar, die ein Durchschnitt sind und von wenigen sehr langen Suchen nach oben gezogen werden.
Was das für Sie bedeutet
- Zählen Sie ab dem Tag, an dem die Person arbeiten soll. Nur dann verhandeln Sie über denselben Zeitraum wie die Statistik, und nur dann taucht die Freigabezeit im Plan auf.
- Planen Sie die Kündigungsfrist ein, bevor Sie suchen. Wenn die Anlage im Oktober laufen muss und der Kandidat drei Monate zum Quartalsende gebunden ist, ist die Zusage im Mai fällig, nicht im August.
- Messen Sie Ihre eigenen Übergaben mit. Tage zwischen Bewerbung und erster Rückmeldung, zwischen Gespräch und Entscheidung, zwischen Entscheidung und Vertrag. Das ist der Teil, den Sie selbst in der Hand haben. Die Formel und ihre Auswertung stehen im Ratgeber zu Time-to-Hire in der Produktion. Eigene PolyTALENT-Zahlen zur Besetzungsdauer ab Mandatskickoff stehen im Report Mandats-Time-to-Fill.
- Rechnen Sie die Verzögerung in Geld um, nicht in Wochen. Wochen lassen sich verschieben, Kosten nicht. Was eine leere Werkbank pro Monat frisst, zeigt der Beitrag zu den Kosten einer unbesetzten Stelle.
- Rechnen Sie nicht damit, dass die Suche sich selbst begrenzt. Ein Verfahren ohne Termin dehnt sich auf die verfügbare Zeit aus, siehe den Beitrag zum Parkinsonschen Gesetz im Recruiting.
- Vorsicht vor der stillen Lösung. Wenn die Halle sechs Monate ohne die Stelle läuft, wirkt sie irgendwann verzichtbar. Was dann tatsächlich passiert, beschreibt der Beitrag zur stillen Nichtbesetzung.
Der ehrliche Satz für die nächste Planungsrunde
Nicht: „Wir brauchen einen Schichtführer bis April.“ Sondern: „Wenn im April jemand an der Anlage stehen soll, muss die Stelle jetzt freigegeben, das Profil in zwei Wochen final und die Zusage im Januar erteilt sein, weil die Kündigungsfrist drei Monate beträgt.“
Dieser Satz ist unbequem, weil er die Verantwortung für die Dauer zurück in den Raum holt. Er ist aber der einzige, mit dem der Termin überhaupt haltbar ist.




