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Markt-Wahnsinn

Warum die Mitarbeitersuche im Mittelstand doppelt so lange dauert wie geplant

Die Bundesagentur misst 154 Tage Vakanzzeit, und sie zählt erst ab dem Tag, an dem die Stelle besetzt sein sollte. Wer im Plan früher zu zählen anfängt, plant zwangsläufig die Hälfte weg.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Bundesagentur für Arbeit misst für den Zeitraum August 2025 bis Juli 2026 eine durchschnittliche abgeschlossene Vakanzzeit von 154 Tagen, also über fünf Monate. Vor zehn Jahren waren es rund 60 Tage weniger.
  • Entscheidend ist, wann die Uhr startet: Gezählt wird ab dem gewünschten Besetzungstermin. Die 154 Tage liegen also vollständig hinter dem Tag, an dem die Stelle besetzt sein sollte.
  • 47 Prozent aller im Zeitraum August 2025 bis Juli 2026 abgemeldeten Stellen waren länger als drei Monate vakant. Die lange Suche ist der Normalfall, nicht der Ausnahmefall.
  • Der Zeitplan reißt selten in der Suche, sondern an den vier Übergängen davor und danach: Freigabe, Profilklärung, Rückmeldegeschwindigkeit und Kündigungsfrist.
  • Mehr Arbeitslose beschleunigen nichts: Im Juli 2026 waren 3,007 Millionen Menschen arbeitslos, die Vakanzzeit lag trotzdem über fünf Monaten.

Der Zeitplan ist nicht zu optimistisch, er beginnt an der falschen Stelle

Fast jeder Besetzungsplan im Mittelstand rechnet von der Veröffentlichung der Anzeige bis zur Unterschrift. Die amtliche Statistik rechnet anders, und daraus entsteht die Lücke, die später als Verzögerung erscheint.

Die Statistik der Bundesagentur für Arbeit weist für den Zeitraum August 2025 bis Juli 2026 eine durchschnittliche abgeschlossene Vakanzzeit von 154 Tagen aus. Definiert ist sie als Zeitspanne zwischen dem gewünschten Besetzungstermin und der Abmeldung der Stelle. Die fünf Monate beginnen also erst an dem Tag, an dem die Person laut Planung schon arbeiten sollte.

Wer im eigenen Plan bei der Anzeige zu zählen anfängt, misst nicht denselben Vorgang. Er misst ein Teilstück und wundert sich anschließend über den Rest.

Dienstag, 7:15 Uhr, Frühschicht ohne Schichtführer

Die Stelle sollte am 1. April besetzt sein. Das war der gewünschte Besetzungstermin, so stand es im Protokoll der Planungsrunde im Januar.

Tatsächlich passiert ist: Die Freigabe für die Stelle kam am 20. Februar, weil die Investitionsrunde vorher lag. Das Anforderungsprofil war am 6. März final, nach drei Abstimmungen zwischen Produktionsleitung und Personalabteilung über Personalverantwortung und Schichtmodell. Die Anzeige lief ab dem 10. März. Der erste passende Kandidat sprach am 28. April vor, die Zusage ging am 12. Mai raus. Er kündigte zum Quartalsende und begann am 1. Oktober.

Vom gewünschten Termin bis zum ersten Arbeitstag: sechs Monate. In der Nachschau hieß es, die Suche habe zu lange gedauert. Die Suche im engeren Sinn, von der Anzeige bis zur Zusage, dauerte neun Wochen. Alles andere lag davor und danach.

Wandkalender im Werksbüro mit mehreren Monatsblättern, dahinter ein Arbeitsplatz in der Halle

Die vier Strecken, die kein Plan enthält

  • Die Freigabe. Zwischen der Erkenntnis, dass jemand fehlt, und der Erlaubnis, jemanden zu suchen, liegen im Mittelstand oft Wochen. Diese Zeit taucht in keiner Kennzahl auf, weil noch niemand sucht.
  • Die Profilklärung. Solange nicht entschieden ist, ob die Rolle 18 oder 40 Leute führt, kann niemand gezielt suchen. Jede Abstimmungsrunde kostet eine Woche, und drei Runden sind normal, wenn Technik und Personalabteilung unterschiedliche Vorstellungen haben.
  • Die eigene Rückmeldegeschwindigkeit. Drei Tage bis zur Antwort sind in einer knappen Rolle bereits ein Risiko. Zwei Wochen bis zum Gesprächstermin sind eine Vorentscheidung gegen sich selbst, weil der Kandidat in dieser Zeit zwei andere Gespräche hatte.
  • Die Kündigungsfrist. Der stärkste Kandidat ist der, der einen Job hat. Genau deshalb bringt er eine Frist mit, bei Fachkräften und Führungskräften häufig drei Monate zum Quartalsende. Aus einer Zusage im Mai wird so ein Start im Oktober, ohne dass irgendwer etwas falsch gemacht hätte.

Diese vier Strecken summieren sich in vielen Betrieben auf mehr Wochen als die eigentliche Suche. Sie sind auch der Grund, warum das Nachschärfen der Stellenanzeige so selten hilft: Es verkürzt das einzige Teilstück, das ohnehin das kürzeste war. Welche Wege wann tragen und was sie kosten, ordnet der Ratgeber zur Personalsuche im industriellen Mittelstand.

Was die Zahlen sagen und was sie nicht sagen

Die 154 Tage sind der Durchschnitt über alle Berufe und alle Betriebsgrößen. Sie lagen 13 Tage unter dem Vorjahreszeitraum, aber rund 60 Tage über dem Stand von vor zehn Jahren. Der Trend ist also nicht neu und dreht sich auch nicht gerade.

Aussagekräftiger als der Durchschnitt ist die Verteilung: 47 Prozent aller in diesem Zeitraum abgemeldeten Stellen waren länger als drei Monate vakant. Eine Besetzung, die ein Quartal dauert, ist damit kein Ausrutscher, sondern annähernd der halbe Markt.

Bemerkenswert ist der Widerspruch, in dem diese Zahl steht. Im Juli 2026 waren 3,007 Millionen Menschen arbeitslos, 28.000 mehr als ein Jahr zuvor, bei einer Arbeitslosenquote von 6,4 Prozent. Gleichzeitig blieb die Vakanzzeit über fünf Monaten. Mehr verfügbare Menschen bedeuten nicht mehr verfügbare Fachkräfte für Ihre Anlage, weil Arbeitslosigkeit und Engpass in unterschiedlichen Berufen anfallen. Nach der Engpassanalyse der Bundesagentur vom Mai 2026 liegen die Engpässe vor allem in Pflege- und medizinischen Berufen sowie in Bau- und Handwerksberufen, dazu bei Berufskraftfahrern und Köchen.

Für Ihre Planung heißt das: Der Bundesdurchschnitt ist ein Maßstab, keine Prognose. Ob Ihre Rolle schneller oder langsamer läuft, hängt an der Rolle, nicht an der Konjunktur. Die Bundesagentur nutzt die Vakanzzeit selbst als Engpassindikator und setzt die höchste Kategorie bei einem Median von 80 Tagen und mehr an. Dieser Schwellenwert ist ein Median und deshalb nicht mit den 154 Tagen vergleichbar, die ein Durchschnitt sind und von wenigen sehr langen Suchen nach oben gezogen werden.

Was das für Sie bedeutet

  • Zählen Sie ab dem Tag, an dem die Person arbeiten soll. Nur dann verhandeln Sie über denselben Zeitraum wie die Statistik, und nur dann taucht die Freigabezeit im Plan auf.
  • Planen Sie die Kündigungsfrist ein, bevor Sie suchen. Wenn die Anlage im Oktober laufen muss und der Kandidat drei Monate zum Quartalsende gebunden ist, ist die Zusage im Mai fällig, nicht im August.
  • Messen Sie Ihre eigenen Übergaben mit. Tage zwischen Bewerbung und erster Rückmeldung, zwischen Gespräch und Entscheidung, zwischen Entscheidung und Vertrag. Das ist der Teil, den Sie selbst in der Hand haben. Die Formel und ihre Auswertung stehen im Ratgeber zu Time-to-Hire in der Produktion.
  • Rechnen Sie die Verzögerung in Geld um, nicht in Wochen. Wochen lassen sich verschieben, Kosten nicht. Was eine leere Werkbank pro Monat frisst, zeigt der Beitrag zu den Kosten einer unbesetzten Stelle.
  • Rechnen Sie nicht damit, dass die Suche sich selbst begrenzt. Ein Verfahren ohne Termin dehnt sich auf die verfügbare Zeit aus, siehe den Beitrag zum Parkinsonschen Gesetz im Recruiting.
  • Vorsicht vor der stillen Lösung. Wenn die Halle sechs Monate ohne die Stelle läuft, wirkt sie irgendwann verzichtbar. Was dann tatsächlich passiert, beschreibt der Beitrag zur stillen Nichtbesetzung.

Der ehrliche Satz für die nächste Planungsrunde

Nicht: „Wir brauchen einen Schichtführer bis April.“ Sondern: „Wenn im April jemand an der Anlage stehen soll, muss die Stelle jetzt freigegeben, das Profil in zwei Wochen final und die Zusage im Januar erteilt sein, weil die Kündigungsfrist drei Monate beträgt.“

Dieser Satz ist unbequem, weil er die Verantwortung für die Dauer zurück in den Raum holt. Er ist aber der einzige, mit dem der Termin überhaupt haltbar ist.

Häufige Fragen

Wie lange dauert die Mitarbeitersuche in Deutschland im Schnitt?+

Die Bundesagentur für Arbeit weist für den Zeitraum August 2025 bis Juli 2026 eine durchschnittliche abgeschlossene Vakanzzeit von 154 Tagen aus, das sind über fünf Monate. Gemessen wird vom gewünschten Besetzungstermin bis zur Abmeldung der Stelle. Der Wert lag 13 Tage unter dem Vorjahreszeitraum, aber rund 60 Tage über dem Stand von vor zehn Jahren.

Warum dauert unsere Besetzung länger als geplant?+

Weil im Plan meist nur die Suche steht. Freigabe der Stelle, Klärung des Anforderungsprofils, eigene Rückmeldezeiten und die Kündigungsfrist des künftigen Mitarbeiters sind in vielen Zeitplänen gar nicht enthalten, kosten aber zusammen häufig mehr Wochen als die Suche selbst. Die Kündigungsfrist allein bringt bei Fachkräften oft drei Monate zum Quartalsende mit.

Beschleunigt eine höhere Arbeitslosigkeit die Suche?+

Nach den aktuellen Zahlen nicht. Im Juli 2026 waren 3,007 Millionen Menschen arbeitslos, 28.000 mehr als ein Jahr zuvor, und die durchschnittliche Vakanzzeit lag weiterhin über fünf Monaten. Arbeitslosigkeit und Engpass fallen in unterschiedlichen Berufen an. Für die Rolle, die Sie besetzen, zählt der Engpass in dieser Rolle, nicht die Gesamtquote.

Ab wann ist eine Vakanzzeit auffällig lang?+

Die Bundesagentur nutzt die Vakanzzeit selbst als Engpassindikator und setzt die höchste Kategorie bei einem Median von 80 Tagen und mehr an. Dieser Wert ist ein Median und darf nicht mit dem Durchschnitt von 154 Tagen verglichen werden. Liegt Ihre typische Besetzungsdauer deutlich über 80 Tagen, ohne dass die Rolle als Engpassberuf gilt, lohnt der Blick auf den eigenen Prozess mehr als der auf den Markt.

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