Die OEE steht auf Grün. Die Linie wirkt unter Kontrolle. Und trotzdem stimmt irgendetwas nicht.
Ihr Dashboard zeigt Fortschritt. Die Schicht feiert die Zahl. Gleichzeitig steigen Nacharbeit, Eillieferungen und stille Konflikte um Rüstfenster. Niemand sabotiert bewusst. Alle optimieren genau das, worauf sie gemessen werden. Willkommen bei Goodharts Gesetz: Sobald die OEE zum Ziel wird, steuert die Schicht die Kennzahl und nicht mehr die Produktion.
Im industriellen Mittelstand ist das kein Controlling-Nerd-Thema. Es ist ein Führungs- und Margenthema.
Donnerstag, 14:40 Uhr. Spätschicht. Die Anzeige muss stehen.
Schichtleiter Markus steht vor der großen OEE-Tafel an Linie 2. Ziel heute: 82 Prozent. Aktuell 79. Noch drei Stunden. Der geplante Wartungsschlitz für den Greifer steht im Schichtbuch. Markus verschiebt ihn auf Sonntagfrüh. „Sonst knallt die Verfügbarkeit.“ Die Instandhaltung murrt. Die Linie läuft weiter.
Um 16:10 Uhr meldet Qualität erhöhten Ausschuss an einer Variante. Markus entscheidet: größere Lose der „sicheren“ Teile, weniger Rüstungen. Die Leistungs- und Verfügbarkeitsfaktoren ziehen an. Die OEE klettert auf 83. Im Schichtübergabe-Protokoll steht: Ziel erreicht. Was nicht steht: Zwei Kundenaufträge mit engen Terminen rutschen, weil die benötigte Variante nicht gefahren wurde. Was auch nicht steht: Der Greifer quietscht lauter als gestern.
Werksleiterin Sabine sieht am Freitagmorgen die grüne Kurve. Sie denkt: Die Schicht hat geliefert. Einkauf sieht steigende Bestände. Vertrieb sieht eine verspätete Lieferung. HR sieht, dass zwei erfahrene Einrichter in der Pause über „Zahlen-Theater“ reden. Die OEE war nie Lüge im Sinne von Fälschung. Sie war eine Wahrheit unter Druck. Und unter Druck wird aus einer Maßzahl ein Spiel.
Was ist Goodharts Gesetz?
Goodharts Gesetz beschreibt, dass eine Kennzahl ihre Aussagekraft verliert, sobald sie zum Steuerungsziel wird. Der britische Ökonom Charles Goodhart formulierte 1975 sinngemäß: Jede beobachtete statistische Regelmäßigkeit tendiert dazu zusammenzubrechen, wenn man sie für Kontrollzwecke unter Druck setzt. Die Anthropologin Marilyn Strathern popularisierte 1997 die knappe Fassung: When a measure becomes a target, it ceases to be a good measure.
In Produktionsteams übersetzt sich das so:
- Ziel ersetzt Messung: OEE soll Effizienz zeigen. Als Schichtziel zeigt sie vor allem, wie gut die Schicht die Anzeige bedienen kann.
- Ausweichverhalten: Stillstände werden umetikettiert, Rüstungen vermieden, Solltakte weich gerechnet, Qualität später sichtbar gemacht.
- Falsche Sicherheit: Führung glaubt der Kurve. Die Halle glaubt der Realität an der Maschine. Beide reden aneinander vorbei.
- Kulturpreis: Wer ehrlich meldet, wirkt wie der, der die Zahl kaputtmacht. Wer die Zahl schützt, wirkt wie der Profi.
Wichtig: Goodharts Gesetz ist kein Freibrief, OEE abzuschaffen. OEE bleibt eine starke operative Kennzahl für Maschineneffizienz. Das Problem entsteht, wenn sie allein entscheidet, wer belohnt, wer ermahnt und wer „geliefert“ hat.
Warum wird OEE als alleiniges Schichtziel gefährlich?
Weil OEE drei Faktoren verdichtet (Verfügbarkeit, Leistung, Qualität), aber Wirtschaftlichkeit, Lieferfähigkeit, Energie und den Faktor Mensch nicht abbildet. Fachbeiträge zu den Grenzen der OEE und zu typischen OEE-Tricks beschreiben genau die Muster, die in Schichten unter Zieldruck auftauchen: geplante Instandhaltung verschieben, Pausenzeiten produktiv „mitnehmen“, Rüsthäufigkeit senken statt Rüstzeit verbessern, theoretische Maximalgeschwindigkeit nach unten biegen.
Das ist selten böse Absicht. Es ist rationales Verhalten unter Anreiz. Genau deshalb trifft Goodhart so hart: Die Kennzahl belohnt die Anpassung an sich selbst.
Verwandt, aber anders: Beim Kobra-Effekt belohnt ein Prämiensystem direkt das falsche Verhalten. Goodhart verzerrt die Messgröße, sobald Druck drauf liegt, auch ohne explizite Prämie. Der Ringelmann-Effekt braucht Unklarheit in der Gruppe. Goodhart braucht eine Zahl, die zum Richter geworden ist. Und wie bei Broken Windows im Betrieb signalisiert jede „erlaubte“ kleine Trickserei: Hier zählt die Optik.
Was das für Sie bedeutet
- Falsche Kapazitätsentscheidungen: Grüne OEE bei steigenden Beständen und sinkender Flexibilität führt zu falschen Investitions- und Personalentscheidungen.
- Qualitäts- und Lieferrisiko: Was die Anzeige schön rechnet, holt Sie als Ausschuss, Nacharbeit oder verspätete Variante wieder ein.
- Schichtkultur unter Druck: Ehrliche Störungsmeldungen werden zum Karriererisiko. Schweigen wird zur Kompetenz.
- Führungsblindheit: Werksleitung steuert auf Scheingenauigkeit. Das Dashboard wird höflicher als die Halle.
- Fluktuation der Guten: Erfahrene Einrichter und Qualitätskräfte halten Zahlen-Theater selten lange aus. Die Besten haben Optionen.
Beispielrechnung: Eine Linie liefert bei ehrlicher Fahrweise 78 Prozent OEE, hoher Termintreue und stabiler Ausschussquote. Unter Zielvorgabe 85 Prozent verschiebt die Schicht Instandhaltung, fährt größere Lose und reduziert Rüstungen. Die OEE steigt auf 84 Prozent. Gleichzeitig steigen Bestände und zwei Expresslieferungen kosten Materialaufschläge, Sonderfahrten und Überstunden. Rechnerisch wirken 10.000 Euro Mehrkosten pro Monat „unsichtbar“, weil sie nicht als OEE-Schaden gebucht werden. Verbucht werden sie als Logistik, Ausschuss und Mehrarbeit. Muss danach eine Schlüsselrolle nachbesetzt werden, weil der erfahrene Einrichter kündigt, entscheidet die Geschwindigkeit der Personalvermittlung darüber, ob aus dem KPI-Problem eine monatelange Vakanz wird.
Rechnen Sie nicht nur die grüne Kurve. Rechnen Sie, was die Kurve verschweigt. Der Vakanzenrechner hilft, wenn die Gegenrechnung lautet: Was kostet die richtige Besetzung einer Schlüsselrolle im Vergleich zu dauerhaftem KPI-Theater an der Linie.
Was tun gegen Goodhart an der OEE? Fünf Praxisimpulse
- OEE nie allein richten lassen: Koppeln Sie Schichtziele an Termintreue, Ausschuss und kritische Störungen. Eine Kennzahl als Richter ist Goodhart per Design.
- Definitionen festziehen: Stillstandskategorien, Rüstlogik, Solltakte und geplante vs. ungeplante Stops schriftlich und auditierbar machen. Ohne gemeinsame Sprache wird jede Verbesserung zur Interpretationskunst.
- Wahrheit belohnen: Schichtleiter, die früh melden, statt Zahlen zu schützen, öffentlich stärken. Sonst gewinnt das Theater.
- Muster statt Einzelfälle prüfen: Verschobene Instandhaltung, sinkende Rüstquote bei steigenden Beständen, weiche Sollgeschwindigkeiten. Das sind Signale, keine Pechsträhnen.
- Führung von der Anzeige lösen: Fragen Sie in der Schichtübergabe zuerst: Was ist heute wahr an der Maschine? Danach: Was sagt die OEE? Reihenfolge ist Kultur.
Starten Sie morgen mit einer Frage an Ihre Spätschicht: „Welche Entscheidung habt ihr heute getroffen, nur damit die OEE steht?“ Wenn die Antwort länger als zehn Sekunden braucht, haben Sie Ihren Befund.
OEE bleibt sinnvoll. In Maschinenbau und Fertigung oft unverzichtbar. Aber OEE als alleiniges Schichturteil ist teure Selbsttäuschung. Goodharts Gesetz ist keine Ausrede gegen Kennzahlen. Es ist die Warnung, Messung nicht mit Steuerung zu verwechseln.
Wer in Lohne und im norddeutschen Mittelstand um Fachkräfte wirbt, konkurriert um knappe Profile. Die teuerste Variante ist, diese Profile in eine Kultur zu stellen, in der die Wahrheit der Anzeige weichen muss. Dann zahlen Sie Marktgehälter für Dashboard-Optimierung.
Und falls Ihnen beim Lesen gerade die Linie eingefallen ist, an der seit dem letzten Zielworkshop die OEE magisch steigt, während die Bestände mitwachsen: Keine Sorge, das bleibt unter uns. Nur sollte niemand glauben, dass Grün auf dem Screen automatisch Grün im Auftragseingang ist. Ihr Bauchgefühl an der Halle hat das übrigens längst gerechnet. Es war nur ehrlicher als Ihr Dashboard.




