Der Zeigarnik-Effekt bezeichnet unerledigte Aufgaben, die im Kopf bleiben, bis sie abgeschlossen sind. Ghibellini und Meier fanden 2025 keinen allgemeinen Erinnerungsvorteil für unterbrochene Aufgaben und eine allgemeine Tendenz, sie wieder aufzunehmen.
Was ist der Zeigarnik-Effekt?
Die Psychologin Bluma Zeigarnik berichtete 1927, unterbrochene Aufgaben würden besser erinnert als abgeschlossene. Romain Ghibellini und Beat Meier haben 2025 in Humanities and Social Sciences Communications eine Metaanalyse des Zeigarnik-Effekts und des verwandten Ovsiankina-Effekts vorgelegt. Ihr Befund: kein allgemeiner Erinnerungsvorteil für unerledigte Aufgaben. Was als allgemeine Tendenz bleibt, ist die Neigung, unterbrochene Aufgaben wieder aufzunehmen.
Übertragen auf eine unbesetzte Produktionsleitung bleibt die Rolle im Kopf der Werksleitung, solange die Besetzung offen ist.
Was die Metaanalyse von 2025 als Tendenz beschreibt, unterbrochene Aufgaben wieder aufzunehmen, sieht man in der Führung als wiederkehrende Statusfrage zur selben Stelle. Die Linie läuft dabei weiter.
Mittwoch, 23:15 Uhr. Werksleitung noch wach. Stelle immer noch offen.
Seit 14 Wochen fehlt der Produktionsleiter. GF, Werksleitung und HR springen zwischen Tagesgeschäft und Recruiting. Jede Besprechung endet mit: „Wenn die Stelle endlich besetzt ist, klären wir das." Nur: Bis dahin passiert wenig.
Schichtleiter führen Doppelrollen. Entscheidungen über Investitionen, Schichtmodelle und Lieferantenprobleme stocken. Projekte warten in der Pipeline. Niemand sagt es laut, aber alle spüren: Die offene Position frisst Aufmerksamkeit, die nirgendwo in der P&L steht.
Der GF schaut morgens auf die Kennzahlen und denkt zuerst an die Vakanz, nicht an die Ausschussquote. HR hat drei parallele Suchstränge laufen, ohne dass sich der mentale Druck verringert.
In der nächsten Führungsrunde geht es eigentlich um die neue Linieninvestition. Trotzdem endet das Gespräch bei der offenen Stelle. Der technische Leiter sagt: „Ohne Produktionsleiter unterschreibe ich keine Freigabe." Der GF nickt, schiebt das Thema auf nächste Woche. Der Loop bleibt offen.
Am Abend schreibt der GF noch eine E-Mail an HR: „Status Produktionsleiter?" Er löscht sie wieder. Morgens fragt er trotzdem. Der Schichtleiter Weber führt seit Woche acht die Produktionsbesprechung mit, obwohl er eigentlich nur die Frühschicht verantwortet. Er sagt nichts. Aber seine Überstunden stehen im System, und sein Urlaubsantrag liegt seit drei Wochen unbearbeitet.
Kann der Zeigarnik-Effekt zu Erschöpfung führen?
Die Belastung entsteht, wenn die Aufgabe offen bleibt und immer wieder aufgenommen wird. Ghibellini und Meier fanden 2025 eine allgemeine Tendenz, unterbrochene Aufgaben wieder aufzunehmen, und keinen allgemeinen Erinnerungsvorteil. In der Werksleitung ist das die Frage nach dem Produktionsleiter, die in jeder Runde wiederkehrt, auch wenn die Kennzahlen der Linie gerade in Ordnung sind.
Wer die offene Schlüsselrolle mit nach Hause nimmt, schaltet abends schlechter ab. GF und Werksleiter treffen dann schlechtere Entscheidungen, weil ein Teil des Kopfes bei der Stelle hängt. Das zeigt sich als impulsive Kompromisse und als Vorsicht, die Investitionen auf die nächste Woche schiebt.
Ein Interim aus der eigenen Belegschaft schließt den Vorgang nicht, wenn alle wissen, dass die Suche weiterläuft. Die Statusfrage bleibt. In der Produktion wird daraus schnell jedes Meeting zum Fortschrittsbericht über die Besetzung. Was in 45 Minuten durch wäre, dauert 90 Minuten.
Welche Beispiele gibt es für den Zeigarnik-Effekt?
Bluma Zeigarnik ließ 1927 Versuchspersonen an Aufgaben arbeiten und unterbrach einen Teil davon. In ihrer Auswertung wurden die unterbrochenen Aufgaben häufiger erinnert als die abgeschlossenen. In der Werkhalle kehrt derselbe offene Vorgang in drei Situationen wieder:
- Die gelöschte Statusmail. Der GF schreibt abends „Status Produktionsleiter?" und löscht die Mail. Morgens fragt er trotzdem.
- Die Freigabe, die wartet. Die Linieninvestition liegt fertig. Unterschrieben wird sie erst, wenn die Produktionsleitung besetzt ist.
- Die Doppelrolle in der Frühschicht. Der Schichtleiter führt die Produktionsbesprechung mit, obwohl das nicht seine Stelle ist. Der Urlaubsantrag liegt daneben.
Was das für Sie bedeutet
- Verzögerte Entscheidungen: Maschineninvestitionen, Lieferantenwechsel und Organisationsänderungen warten auf den besetzten Produktionsleiter.
- Führungsüberlast: Schichtleiter übernehmen Management ohne Mandat, ohne Gehalt, ohne Zeit.
- Produktionsrisiko: Eskalationen landen bei Personen, die fachlich gut sind, aber nicht die Rolle haben.
- Recruiting-Müdigkeit: Nach Monaten steigt die Gefahr von Kompromiss-Besetzungen aus Erschöpfung.
- Teamfrust: „Wann kommt endlich jemand?" frisst Motivation in Schicht und Büro.
- Verdeckte Kosten: Überstunden, verpasste Projekte und schlechtere Erholung der Entscheider laufen neben der offenen Stelle.
Rechnen Sie den offenen Vorgang in Stunden um: Wenn drei Führungskräfte je zwei Stunden pro Woche mit der Stelle beschäftigt sind, sind das 24 Führungsstunden im Monat. Bei einem internen Stundensatz von 120 Euro sind das fast 3.000 Euro, plus die Entscheidungen, die in dieser Zeit nicht getroffen werden.
Praxisimpulse für GF und Werksleiter
Der Zeigarnik-Effekt endet mit dem Abschluss der Aufgabe. Bevor Sie den nächsten Monat akzeptieren, prüfen Sie:
- Welche strategische Entscheidung blockiert seit Wochen wegen der Vakanz?
- Wer trägt unbezahlte Führungsarbeit mit, und seit wann ohne Ausgleich?
- Wie viele parallele Suchkanäle laufen, und führen sie zu messbarem Fortschritt?
- Gibt es einen klaren Zeitplan mit Eskalation, oder nur den Satz „wir suchen weiter"?
- Welche Zwischenlösung schließt den Vorgang, und welche verlängert nur die Statusfrage?
Setzen Sie eine harte Grenze: Nach 8 Wochen offener Schlüsselrolle wird der Prozess neu bewertet. Kanäle, Anforderungsprofil, Entscheidungsgeschwindigkeit. Dokumentieren Sie, welche Entscheidungen warten: Investition, Lieferant, Schichtmodell. Wenn die Liste nach der Besetzung in einer Woche abgearbeitet ist, sehen Sie den Schaden schwarz auf weiß.
Wer die Besetzungsdauer steuern will, findet die Rechnung im Ratgeber Time-to-Hire berechnen und steuern.




