← Zurück zum Magazin
Headerbild zum Magazin-Artikel: Werkzeugbau ohne Nachfolge: Wenn mit dem letzten Werkzeugmacher 30 Jahre Wissen in Rente gehen

Kosten & SEO

1 Aufruf

Werkzeugbau ohne Nachfolge: Wenn mit dem letzten Werkzeugmacher 30 Jahre Wissen in Rente gehen

Ihr dienstältester Werkzeugmacher geht in 18 Monaten. Sein Wissen über Ihre Formen steht in keinem System. Es steht in seinem Kopf. Und Sie haben keinen Plan B.

Das teuerste Asset Ihres Betriebs steht in keiner Bilanz

In Ihrer Anlagenbuchhaltung stehen Fräszentren, Erodiermaschinen und 200 Spritzgussformen. Nicht drin steht: das Wissen, welche dieser Formen beim Anfahren zickt, welche Kühlkanäle zum Verkalken neigen und welches Werkzeug man niemals mit Standardparametern fahren darf. Dieses Wissen gehört einem Mann. Er ist 63.

Wenn er geht, verlieren Sie kein Gehalt. Sie verlieren die Fähigkeit, Ihre eigenen Werkzeuge zu beherrschen. Und anders als bei einer Maschine gibt es dafür keinen Wartungsvertrag, keine Ersatzteilliste und keinen Wiederbeschaffungswert im Anlagenspiegel.

Montag, 07:10 Uhr. Die Form 4711 macht wieder Grat.

Ein Verpackungsbetrieb, 90 Mitarbeiter. Die wichtigste Serienform produziert seit Freitagnacht Ausschuss. Der junge Einrichter tauscht Parameter, prüft die Trennebene, findet nichts. Um 07:10 Uhr kommt Herbert, seit 31 Jahren im Werkzeugbau. Er hört der Maschine zehn Sekunden zu, legt die Hand auf die Aufspannplatte und sagt: „Die Zentrierung vom Wechseleinsatz. Wie 2019. Zwanzig Minuten."

Zwanzig Minuten später läuft die Serie. Nichts davon steht im Wartungsplan. Es steht auch nicht im CAQ-System. Es steht in Herberts Kopf, zusammen mit ein paar hundert anderen Geschichten über ein paar hundert andere Formen.

Herbert geht in 18 Monaten in Rente. Auf die ausgeschriebene Stelle haben sich in sechs Monaten drei Kandidaten beworben. Einer war Schlosser, einer wollte nur Tagschicht, einer ist nicht erschienen.

Der Geschäftsführer weiß das alles. Es steht nur auf keiner seiner Listen. Im Investitionsplan stehen eine neue Fräse und ein Hallendach. Herberts Rente steht nirgends, obwohl sie das einzige Ereignis ist, dessen Datum seit Jahren feststeht.

Das Phänomen: Erfahrungswissen lässt sich nicht ausschreiben

Wissensmanagement-Theorie nennt es implizites Wissen: Können, das der Träger selbst nicht vollständig in Worte fassen kann. Der Werkzeugbau ist die Reinform davon. Ob ein Stahleinsatz noch eine Nachschärfung verträgt oder neu muss, ob ein Grat von der Schließkraft oder vom Verschleiß kommt: Das lernt man nicht aus Zeichnungen, sondern aus Jahren an denselben Formen.

Deshalb funktioniert die übliche Reaktion nicht: Stelle ausschreiben, warten, notfalls extern vergeben. Der externe Werkzeugdienstleister kennt Ihre Formen nicht. Er repariert nach Zeichnung und Stundensatz. Herbert repariert nach Biografie der Form. Der Unterschied steht in keiner Rechnung, aber in jeder Rüstzeit.

Dazu kommt die Demografie: Die geburtenstarken Werkzeugmacher-Jahrgänge gehen jetzt, und zwar alle gleichzeitig. Ihr Betrieb konkurriert um Nachfolger nicht mit dem Nachbarort, sondern mit jedem Formenbauer in Deutschland, der dasselbe Problem drei Jahre früher erkannt hat.

Die Ausbildungszahlen verschärfen die Lage: Es rücken deutlich weniger Werkzeugmechaniker nach, als in den kommenden zehn Jahren in Rente gehen. Und die wenigen guten jungen Kräfte gehen bevorzugt dorthin, wo der Werkzeugbau modern ausgestattet ist und ein Erfahrener sie noch einarbeiten kann. Ein überalterter Werkzeugbau ohne Übergabeplan ist für Bewerber kein Arbeitsplatz, sondern ein Risiko.

Was das für Sie bedeutet

  • Der Wissensverlust kommt vor dem Renteneintritt: Die letzten Monate sind Übergabe, Resturlaub und Abschied. Effektiv bleiben Ihnen nicht 18 Monate, sondern höchstens zwölf.
  • Reparaturen wandern nach extern: Notfall-Stundensätze, Transportzeiten, und bei jeder Reparatur lernt ein Fremder, was Ihr Haus verlernt hat.
  • Rüst- und Stillstandszeiten steigen schleichend: Nicht als Ereignis, sondern als Prozent-Punkte Auslastung, die Monat für Monat fehlen.
  • Neue Projekte verzögern sich: Ohne erfahrenen Werkzeugbau dauert jede Werkzeugabnahme und jedes Anfahren neuer Formen länger.
  • Die Vakanz wird mit jedem Monat teurer: Je näher der Renteneintritt rückt, desto kürzer die Überlappung mit einem Nachfolger, und desto größer der Anteil des Wissens, der ersatzlos geht.

Praxisimpulse: Nachfolge im Werkzeugbau ist ein Projekt, kein Inserat

  • Machen Sie die Altersliste: Wer in Werkzeugbau und Instandhaltung ist über 58, und welche Formen oder Anlagen beherrscht nur diese Person? Das ist keine HR-Statistik, das ist Ihre Risikokarte.
  • Rechnen Sie die Überlappung rückwärts: Ein Nachfolger braucht realistisch 12 bis 18 Monate an der Seite des Erfahrenen, um die kritischen Formen zu kennen. Kündigungsfrist und Suchdauer kommen oben drauf. Wer den Renteneintritt 2028 erst 2027 angeht, hat verloren.
  • Dokumentieren Sie das Machbare: Eine Lebenslauf-Akte pro kritischer Form (bekannte Schwachstellen, Reparaturhistorie, Anfahrbesonderheiten) rettet nicht alles, aber sie macht den Nachfolger schneller. Lassen Sie den Erfahrenen diktieren, nicht schreiben.
  • Prüfen Sie die Stellenbeschreibung: „Werkzeugmechaniker (m/w/d)" mit Standardaufgaben zieht niemanden, der eine sichere Stelle hat. Was den Wechsel begründet, sind die Ausrüstung des Werkzeugbaus, Gestaltungsspielraum und die Aussicht, den Bereich zu übernehmen.
  • Denken Sie an interne Kandidaten: Ein guter Verfahrensmechaniker mit Werkzeugaffinität und externer Weiterbildung ist oft schneller einsatzfähig als ein externer Kandidat, der nie kommt.

Und wenn die Suche läuft: Messen Sie sie wie ein Projekt. Wie viele qualifizierte Gespräche pro Monat, nicht wie viele Bewerbungen. Drei Bewerbungen in sechs Monaten sind kein Marktproblem, sondern ein Signal, dass der Suchweg falsch ist. Werkzeugmacher mit sicherer Stelle findet man nicht im Bewerbungseingang, sondern im direkten Gespräch.

Die Rente Ihres Werkzeugmachers steht seit Jahrzehnten im Kalender. Sie ist das am besten planbare Risiko Ihres Betriebs. Behandeln Sie sie so: mit Termin, Budget und Verantwortlichem. Alles andere ist Hoffnung, und Hoffnung wechselt keine Werkzeuge.